Und hier möchte ich ein Buchvorstellen, dass mir in letzter Zeit besonders gut gefallen / beeindruckt hat …..

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Heute ein Buch über das so genannte Phänomen des Fundamentalismus:

Religiöser Fundamentalismus
von Clemens Six, Martin Riesebrodt, Siegfried Haas
Studien Verlag
Februar 2005
ISBN: 3706540711

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Ein Buch, das sich mit dem Begriff des „Fundamentalismus als Ganzes versucht auseinanderzusetzen … und nicht nur mit dem was heute gerne unter islamischer Fundamentalismus verstanden wird. Meiner Meinung nach sehr lesenswert, da dies Buch alle Schattierungen beleuchtet auf einem angenehm neutralen Niveau

© VON HELMAR DUMBS (Die Presse) 24.01.2005

Eine Ring-Vorlesung in Wien versuchte, den „Fundamentalismus“ von der Fixierung auf den Islam zu lösen. Nun kann man sie nachlesen.

Der größte Feind eines Begriffes ist seine Verwendung. Zumindest die inflationäre. Mit zunehmender Präsenz eines Wortes in der öffentlichen Debatte, mit seiner Politisierung, sinkt oft die begriffliche Schärfe. Dies lässt sich beispielhaft am Terminus „Fundamentalismus“ beobachten, einem nicht erst seit dem 11. September 2001 sehr präsenten Wort, das im Zusammenhang mit der Revolution im Iran 1979 ebenso gebräuchlich wurde wie zur Beschreibung des „Marsches durch die Institutionen“ der christlichen Rechten in den USA. Zuletzt wurde der Begriff zumeist auf den Islam eingeengt.

Hier einen Kontrapunkt zu setzen, war Ziel einer Ringvorlesung des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, dessen Beiträge nun gesammelt vorliegen: „Religiöser Fundamentalismus. Vom Kolonialismus zur Globalisierung“ (Studienverlag, Innsbruck). „Es ging darum, Analogien herauszuarbeiten, Kontinuitäten und Brüche seit der Kolonialzeit aufzuzeigen“, erklärt Mit-Herausgeber Clemens Six. Rund die Hälfte der Beiträge behandelt doch den Islam, was durch die Unterschiede der regionalen Islamismen (Maghrebstaaten, Pakistan, Iran etc.) aber zum Teil gerechtfertigt erscheint.

Martin Riesebrodt, Soziologe an der Universität Chicago, versucht in seinem einleitenden Aufsatz, dem zum politischen Kampfbegriff degenerierten „Fundamentalismus“ ein wissenschaftliches Konzept zugrunde zu legen. Ohne die Spezifika der verschiedenen Konfessionen zu negieren, sieht er gemeinsame Elemente wie die Sakralisierung einer verklärten Vergangenheit, die religiöse Reglementierung des Lebens und die Idealisierung patriarchalischer Autorität. Diese Gemeinsamkeiten rechtfertigen es demnach, den zunächst auf radikal-protestantische Gruppen der USA beschränkten Begriff auf andere Religionsgemeinschaften anzuwenden. Riesebrodt: „Aus meiner Sicht haben alle Religionen das Potenzial, fundamentalistisch gedeutet zu werden.“

Feindbild Säkularisierung

Ein weiteres konstitutives Element radikaler Bewegungen, seien sie religiös oder politisch, ist das Vorhandensein eines Reibebaums oder Feindbildes, an dem das eigene Profil geschärft wird. Für Fundamentalisten ist der Widerpart die Säkularisierung. Diesem Charakteristikum spürt der Wiener Religionswissenschaftler Johann Figl nach: Aus einer als problematisch und krisenhaft verstandenen Gegenwart wird eine Brücke zu den Anfängen der Religionsgemeinschaft geschlagen. Der Rückbezug auf ein (oft konstruiertes) Fundament soll der schleichenden Erosion Einhalt gebieten.

Mit fundamentalistischen Strömungen in der katholischen Kirche (Stichwort: Opus Dei) befasst sich der Grazer Sozialethiker Kurt Remele. Der Religions- und Literaturwissenschaftler Max Deen Larsen widmet sich dem (protestantischen) Fundamentalismus in den USA. Er nennt zwei weitere wesentliche Merkmale des religiösen Radikalismus: Das persönliche Bekehrungserlebnis (wie es auch George W. Bush für sich reklamiert) und die streng manichäische Denkweise; die Welt wird als „Schauplatz des kosmischen Kampfes zwischen Gut und Böse“ gedeutet, es gilt nur die klare Entscheidung, Grauzonen sind nicht vorgesehen. Politiker greifen diese dualistische Rhetorik oft gezielt auf („Reich des Bösen“).

Die von Larsen postulierte Existenz einer buchstäblichen, der Interpretation entzogenen heiligen Schrift als Grundlage absoluter Wahrheit wird vom Wiener Historiker Michael Ingber für das Judentum relativiert. Mit den Ultraorthodoxen und der national-religiösen Siedlerbewegung gibt es zwar auch hier fundamentalistische Strömungen. Der Unterschied ist aber, dass der Talmud explizit zur Interpretation auffordert. Die Autorität geht also von der Schrift auf die sie auslegenden Rabbiner über.

„Vom Fleisch der Moderne“

Gerade an den radikalen Siedlern wird deutlich, dass der Vorwurf, Fundamentalisten seien grundsätzlich antimodernistisch, zu kurz greift, bedienen sie sich doch modernster Technik und meist auch des politischen Systems zur Durchsetzung ihres Zieles, schon auf der Erde die göttliche Ordnung zu verwirklichen. Für den Wiener Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker ist Fundamentalismus überhaupt „vom Fleisch der Moderne“ bzw. eine ihrer „Nachtseiten“.

Radikale Strömungen im Hinduismus scheinen etwas aus dem Rahmen zu fallen, gibt es doch hier im Gegensatz zu den abrahamitischen Religionen kein heiliges Buch als Fundament. Clemens Six kommt das Verdienst zu, anhand dieser Weltreligion zu zeigen, dass nicht die Existenz eines schriftlichen Kanons für den Fundamentalismus wesentlich ist, sondern das Prinzip der Kanonisierung ausgewählter Elemente religiöser Tradition. Da der Hinduismus in sich heterogen ist, handelt es sich meist um „äußerliche Verehrungsformen“ als gemeinsamen Nenner. Etwa die „Bewegung zum Schutze der Kuh“: Die kultische Verehrung dieses Tieres wurde so weit getrieben, dass es zum Hauptgrund dafür stilisiert wurde, dass Hindus und Moslems nicht friedlich koexistieren können. Unter dem Banner der Kuh verloren sogar die Grenzen zwischen den Kasten an Bedeutung. Fundamentalismus wirkt also nicht nur abschottend nach außen, sondern auch integrierend nach innen. Deshalb findet er so starken Zulauf. Und deshalb ist er auch so gefährlich.